Schinkenfleckerl

Sudetendeutsche Rezepte

Schinkenfleckerl

Beitragvon Miranda » Di 13. Jul 2010, 08:08

Schinkenfleckerl gab es nach altem Brauch am Palmsonntag

Auszug aus Schutzengelchen von Franz Blaschka
"Ein richtiges Nudelessen gab es ohnehin nur einmal im Jahr, am Palmsonntag. Da wurden Schinkenfleckerl gemacht, nach altem Brauch.
Aus je einem Ei pro Person, und so eben für jeden aus einem Nudelfleck.
Da musste die Köchin schon in aller Frühe in die erste Messe gehen, sonst wäre sie nicht fertig geworden mit ihrer Arbeit bis zum Mittagessen.
Zuerst wurde ein ordentliches Häufchen Weizenmehl auf das Backbrett geschüttet, und darüber wurden die Eier geschlagen und dann mit dem Mehl verknetet, bis ein harter, gleichmäßiger Teig entstanden war.
Nur Eier und Mehl, sonst nichts.
Nun, einen Spritzer Milch konnte man wohl beifügen, aber nur, um Eier zu sparen.
Bis dann der Teig so richtig durchgeknetet war, da schmerzten schon die Hände.
Danach wurde die große Teigkugel in soviel kleine Häufchen eingeteilt, wie Leute zum Essen kamen, und jeder Teil wurde nochmals einzeln tüchtig durchgeknetet, bis er richtig geschmeidig und genügend fest war. Dann wurde er mit dem Nudelholz ausgerollt, so dünn es nur ging.
Die fertigen großen Nudelflecke trug man dann hinaus ins Freie und hängte sie über die Wäschestange zum Trocknen in die Sonne. Wenn das nicht möglich war, weil es draußen regnete, dann mußte man sie in der Stube auf die Ofenstange hängen.
Wenn sie trocken und hart genug waren und sich fast wie Blech anfühlten, wurden sie in schmale Streifchen geschnitten und diese wiederum in kleine Quadrate, nur etwa so groß wie ein Fingernagel.
Inzwischen brodelte auf dem Herd schon ein tüchtiges Stück Rauchfleisch im Topf. Sobald das gar war, wurde es herausgenommen.
Jetzt wurden die Fleckchen hineingetan in die gute Rauchfleischsuppe. Darin mußten sie so lange sanft kochen, bis alle an der Oberfläche schwammen.
Derweil wurde das Rauchfleisch zurecht gemacht. Meine Mutter hat es früher noch mit dem Wiegemesser ganz fein geschnitzelt. Ich selbst habe mir schon bald einen Fleischwolf gekauft. Damit habe ich es einfach gemahlen. Das ging leichter und schneller.
Die Nudeln wurden aus der Suppe herausgeschöpft und in ein großes Sieb zum Abtropfen getan.
Danach kam eigentlich erst das wichtigste: Alles zusammen mußte in eine große irdene Pfanne geschichtet werden, erst eine Schicht Nudeln, darauf eine Schicht Fleisch, und wieder Nudeln, und nochmals Fleisch, solange bis alles in der Pfanne Platz gefunden hatte.
Oben auf die Nudeln wurden Butterflocken geschnitten und in wenig Milch verquirltes Ei gegossen.
Dann kam die Pfanne in das Backrohr. Dort blieb sie so lange, bis sich an der Oberfläche eine schöne braune Kruste gebildet hatte.
Inzwischen begann das Mittagessen mit der Rauchfleischsuppe, in der noch einige Nudeln herumschwammen. Danach kam die Pfanne mit den Schinkenfleckerln auf den Tisch, und Mutter teilte aus auf unsere Teller."
Miranda
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